Klassentreffen ...

Klassentreffen oder Dinge, die nie verjähren

1. Kapitel

Ein zischendes Geräusch zerriss die Stille auf eine brutale und endgültige Weise. Ich zuckte zusammen und stand vor Angst wie gelähmt da. Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Nur vage sah ich die riesigen Stämme der Bäume um mich herum. Wie lange war ich schon hier? Einige Sekunden oder Stunden? Oder eine Ewigkeit? Ich wusste es nicht. Mein Zeitgefühl schien ebenso verloren zu sein wie mein restlicher Verstand. Ich begriff nichts mehr ...
Jemand flüsterte meinen Namen, aber bevor ich den Kopf drehen konnte, erklang ein Schrei und verstärkte meine Furcht. Ich wusste, es war etwas Schreckliches passiert.
Sobald der Schrei verklang, kehrte wieder Stille ein. Eigenartige Stille, die meinen Blick zwang, die Dunkelheit zu durchdringen. Ich durfte den Kopf nicht abwenden, sonst würde es mich angreifen ...
Grauenhafte Hitze und eisige Kälte zogen abwechselnd an meinem Gesicht vorbei. Zitternd öffnete ich meinen Mund. Der angehaltene Atem, der sich seit einigen Minuten in meiner Lunge gestaut hatte, entwich eher schwerfällig und klang dabei wie ein verzweifelter Seufzer.
„Ich halte das nicht mehr aus“, kam es flüsternd von rechts.
Keine Ahnung, wer da sprach, aber es störte mich nicht, obwohl ich es selbst kaum noch aushielt. Dieses tiefe Unbehagen, diese ungewöhnliche Stille um uns herum, diese dunkle Ahnung kam aus einer anderen Richtung ...
Ich schauderte, als die Gänsehaut von meinen Armen aus auf den Rücken übersprang.
„Lasst uns endlich gehen“, hörte ich eine andere drängende Stimme neben mir. Es musste Petty sein ... oder Biggy?
Bevor ich etwas entgegnen konnte, hörte ich ein Wimmern auf meiner linken Seite. Sollte das etwa einer der Jungs sein? Oder ... oder etwa ... ? Es konnte alles mögliche gewesen sein. Gott, es konnte sogar von mir selbst gekommen sein. Vielleicht verlor ich langsam aber sicher meinen Verstand. Alles war möglich. Alles, einfach alles.
„Sie hat recht, wir sollten hier verschwinden“, sagte einer der Jungs. „Es gibt nichts, was wir noch tun können!“
Stimmte das? Gab es wirklich nichts, was noch getan werden konnte, um das Grauen abzuwenden? Oder alles rückgängig zu machen ...
„Margrit, was meinst du? Denkst du nicht auch, dass ... Margrit? He! Was ist mit dir? Mar ...
... grit! Du hörst gar nicht zu, was ich dir sage! He! Träumst du jetzt schon am hellichten Tag?“
Tatsächlich hatte sich das Licht plötzlich verändert. Die Stille zerriss erneut, aber jetzt durch Verkehrslärm und Geschirrgeklapper. Das ovale Gesicht von Annette schob sich in mein Blickfeld. Mit vorwurfsvollen Augen blickte sie mich an. „Es ist wirklich wichtig, dass du das verstehst.“
Ich nickte, um meine Schwester zu besänftigen, blinzelte jedoch verwirrt, bevor ich mich prüfend umsah. Wir saßen wieder oder vielmehr immer noch in dem Café, in dem wir uns vor ... ja, vor einer halben Stunde getroffen hatten, es war Mittwochnachmittag kurz nach fünf und dazu mitten im Sommer. Alles andere als eine mitternächtliche Stunde an einem einsamen Ort im Wald!
Ich verrieb die Gänsehaut auf meinen Armen und versuchte zu verstehen, warum mein Bewusstsein oder was auch immer, in diese eigenartigen Tagträume rutschte, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Dieses war nun schon das dritte Mal gewesen, dass es mir mitten am Tag passierte.
„Was ist los mit dir, Margrit? Schockiert dich das etwa, was ich gerade gesagt habe? Also bei deiner sonst so nüchternen Auffassungsgabe habe ich wirklich gedacht, an der richtigen Stelle zu sein ...“
„Bist du ja auch“, gab ich schnell zurück. „Ich werde dich bestimmt nicht verurteilen oder dir Moralpredigten halten. Ich...“, ich räusperte mich und versuchte die Beklommenheit abzuschütteln, die zu tief saß, um gleich auf ein Vergessen hoffen zu können.
„Ich hab nur gerade an etwas viel Seltsameres denken müssen.“
Statt Verständnis zu zeigen, blickte Annette mich nur zweifelnd an. Klar, wie sollte sie auch wissen, welchen unangenehmen Nachgeschmack meine Tagträume besaßen.
„Ich weiß einfach nicht, was ich sonst mit ihm machen soll“, versuchte Annette erneut, sich über ihre Entscheidung gegen das aufsässige Verhalten ihres Sohnes zu rechtfertigen.
„Ich wünschte, ich könnte dir helfen“, sagte ich und winkte der Kellnerin, mir eine zweite Tasse Cappuccino zu bringen. Annettes Tasse stand immer noch unberührt zwischen ihren Händen, die zu Fäusten geballt auf dem Tisch lagen. Ihre ganze verkrampfte Körperhaltung zeigte an, wie dramatisch es in ihr aussah.
Ich schämte mich, weil ich mich kaum auf ihre Probleme konzentrieren konnte. Immer wieder tauchte das Bild des Waldes auf, dunkle gerade Baumstämme, die in einen mondhellen Himmel hineinwuchsen, unwirklich an diesem hellen Tag, an diesem hellen von hektischen Menschen umgebenen Ort. Dennoch griff es nach mir, versuchte mich zurückzuziehen und erneut gefangen zu nehmen. Verrückte Gedanken!
Ich stöhnte leise auf und rieb mir energisch die Stirn. Dieser Traum war es gewiss nicht wert, sich daran zu erinnern. Ich schaute auf und bemerkte, wie meine Schwester mühsam darum kämpfte, ihre Tränen zurückzuhalten. „Ich weiß, dass ich ihm damit sehr weh tue, aber ... Herrje, es geht doch genauso sehr um uns alle! Es kann einfach nicht so weitergehen wie bisher. Und wenn wir alle nicht mit ihm klar kommen, dann ...“
„Ein zeitweiliger Aufenthalt in einem Internat ist doch kein Weltuntergang“, versuchte ich sie zu trösten und dabei so optimistisch auszusehen wie möglich. Immerhin hatte ich keinen besseren Rat, wie man die Probleme mit einem pubertären Sohn löste, auf Lager. „Du meinst es gut mit ihm, und das wird er irgendwann verstehen.“
Annette lachte verächtlich auf. „Er hasst mich dafür, das weiß ich.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, kam die Kellnerin und brachte die zweite Tasse Cappuccino. Eine willkommene Unterbrechung, um noch einmal an die Szene aus dem Traum zu denken. Es war mir so real vorgekommen. Gerade so, als hätte ich das Ganze vor nur wenigen Minuten hautnah erlebt. Ich erinnerte mich an jede Einzelheit, jedes Wort und jeden Atemzug. Selbst die Gänsehaut kroch zurück auf meine Arme.
Nur ... was hatte der Traum zu bedeuten? Es war nicht das erste Mal, das mir so etwas passierte, aber es wurde häufiger. Und was das Eigenartigste war: die Szene wiederholte sich ständig. Warum kamen mir auf einmal diese Bilder in den Sinn? Szenen, die ich im realen Leben niemals in dieser Form erlebt haben konnte.
Ich wünschte, ich wüsste eine Antwort darauf, damit die Beklommenheit endlich von mir abfiel. Es verdarb nicht nur den Augenblick, sondern zog sich durch den ganzen Tag. Noch abends würde es mich zum Grübeln zwingen.
„Du solltest beten, dass dir ein solches Problem erspart bleibt“, sagte Annette seufzend und holte mich damit zurück in die Gegenwart. „Mädchen sollen ja bekanntlich in der Pubertät ziemlich zickig werden.“
Ich lächelte leicht, während ich in meiner Tasse rührte. „Wenn das das Zeichen für die beginnende Pubertät ist, dann fängt sie früh damit an. Julia kommt in der Beziehung leider ganz nach ihrem Vater, sprich: sie will immer ihren Kopf durchsetzen.“
„Aber bei Jochen ist es viel komplizierter. Er ist richtig ungerecht und bösartig seiner Familie gegenüber ...“
Leise schlürfte ich die Sahne vom Cappuccino und ließ meine Schwester reden. Noch vor einem Jahr hatte sie über Schulprobleme geklagt, davor über eventuelle Haltungsschäden ihrer beiden Jungs, und jetzt ist es die Pubertät. Alles drehte sich um Kinder ... Wann hatten wir das letzte Mal über uns geredet? Über die Dinge, die wir selbst taten und anstrebten? Über unsere Wünsche und Träume. Aber statt über lustige Gedanken zu sprechen oder auch Trauriges – egal was – redeten wir nur über die Kinder. Gott, was waren wir für Snobs geworden! Die reinsten Langweiler, die in ihrem routinierten Leben eingeschweißt waren und sofort zu jammern begannen, sobald sich etwas daran änderte.
Eigentlich war ich selbst nicht so, aber sobald ich mit Annette zusammen kam, ertappte ich mich oft dabei, wie ich selbst in diese Rolle hinein rutschte und es mir nicht einmal sehr schwer fiel, mich als normale Mutter und Hausfrau zu identifizieren. Dabei war ich im Gegensatz zu meiner jüngeren Schwester nie verheiratet gewesen. Ich hatte viele Jahre lang mit Bernd zusammengelebt, glücklich auch ohne Trauschein, hatte dabei Julia zur Welt gebracht und war wie jede andere Mutter durch allerlei Höhen und Tiefen gegangen. Allerdings hatte ich nie meinen Job als Redakteurin aufgegeben. Freiberuflich hatte ich weiterhin für die ortsansässige Tageszeitung geschrieben und Texte abgeliefert, sobald Zeit und Chancen es erlaubten. Daher war ich im Gegensatz zu Annette immer offen für alles geblieben, was sich rings um mich herum abspielte. Für mich hatte es niemals nur ein Leben für die Familie gegeben.
Im verflixten siebten Jahr hatten Bernd und ich jedoch feststellen müssen, dass wir uns in verschiedene Richtungen weiterentwickelten, die keinen gemeinsamen Nenner mehr aufwies. So trennten wir uns schließlich ohne verhasste Scheidung und ohne Unterhaltsansprüche.
Vier Jahre ist das jetzt her, und bereut hatte ich es nie. Ich kam gut mit meinem Leben zurecht und mit Julia, die inzwischen acht Jahre alt war. Es war nicht immer einfach, aber trotzdem gut. Und dann gab es ja auch noch Rainer. Zwar konnte man ihn nicht unbedingt als feste Beziehung bezeichnen, dennoch war er zur Zeit der Mann in meinem Leben. Nur wussten das die Wenigsten und Annette gehörte ebenfalls nicht dazu. Wieder etwas, über das wir nicht reden konnten. Betrübt musterte ich die Gesichtszüge der Frau, die mir gegenüber saß und die manchmal so fremd wirkte. Vielleicht lag es daran, dass wir so verschieden waren, dass wir so oft aneinander vorbei redeten.
Ich seufzte müde. „Ich denke, du tust genau das Richtige. Und ich denke, Jochen wird es gut tun, mal etwas Neues zu sehen.“
Ich blickte ihr in die blauen Augen und hoffte, dass sie mir die Ungeduld nicht ansah, die hinter meiner Aussage stand. Denn im Grunde war es belanglos, wie ich darüber dachte. Es war schließlich Annettes Familie, Annettes Leben. Somit lagen auch alle Entscheidungen allein bei ihr.Annette nickte und nippte endlich an ihrem Cappuccino, der inzwischen längst kalt geworden war. Schnell stellte sie ihre Tasse zurück auf den Tisch und blickte mich herausfordernd an.
Nicht noch eines dieser furchtbar anstrengenden Themen, dachte ich erschrocken. Für Gewichtsprobleme oder Kleidungsfragen würde ich jetzt keine Nerven mehr aufbringen können. Ich sah mich schon schreiend vom Stuhl aufspringen und weglaufen, so schnell ich nur konnte.
„Weißt du, wen ich gestern in der Stadt getroffen habe?“ Annettes Lächeln vertiefte sich. „Du kommst nie darauf.“
„Dann brauche ich wohl auch nicht anfangen zu raten.“ Ich blickte auf meine Armbanduhr und beschloss, ihr ein letztes Limit von fünf Minuten zu gewähren, bevor wir uns trennen würden. Wenn ich eine Stunde früher in die Redaktion fuhr und den Bericht fertigstellte, bedeutete es eventuell ein nettes Abendessen mit selbst zubereiteter Tagliatelle, dazu ein Glas Rotwein und ...
„Mick the Kick“, sagte Annette und jeder Gedanke an das Abendessen löste sich auf. Sie lächelte triumphierend. „Hab ihn sofort wiedererkannt. Er sieht immer noch so gut aus wie damals.“
„Hast du mit ihm gesprochen?“ Kam es mir nur so vor oder klang meine Stimme belegt? Das Herz schlug auf jeden Fall einige Takte schneller. Ich konnte nichts dagegen tun.
Annette schüttelte den Kopf. „Er hat mich nicht mal bemerkt, geschweige denn wiedererkannt. Ist stur an mir vorbeigelaufen, aber ich war ja auch damals nur die kleine Schwester, die niemand von deinen Freunden je beachtet hat. Warum sollte es also heute anders sein?“
„Höre ich da so etwas wie Bitterkeit?“ Ich schmunzelte. „Du bist eben drei Jahre jünger. Das war für die Verhältnisse damals eine ganze Menge Zeit. Du warst noch fast ein Baby, als es bei uns schon rund ging.“
„Micky hat jeder angehimmelt“, widersprach sie. „Ob du es in der Zehnten warst oder wir in der Siebten. Er war einfach unwiderstehlich!“
„Jetzt übertreibst du aber. Nur weil er in der Band spielte und dazu ganz gut aussah, war er bestimmt kein Leif Garret oder Rod Steward.“
Annette lachte. „Früher hast du ganz anders geredet.“ Ihre Augenbrauen hoben sich spöttisch. „Bevor er dich wegen einer anderen fallen ließ.“
„Ja, das waren harte Zeiten“, erwiderte ich und zog eine schmerzhafte Grimasse, die kurz darauf in ein amüsiertes Lächeln überging. „Mit wem er wohl heute zusammen ist, hm?“
„Wie sie heißt, weiß ich nicht, aber sie ist blond, gut aussehend, wesentlich jünger als wir beide ...“
„Ich glaube fast, es macht dir Spaß, mir diese Details unter die Nase zu reiben!“
„Und zwischen ihnen lief ein kleines Mädchen – ebenso süß – das gerade erst laufen gelernt hat“, ergänzte Annette mit sanfter Stimme. „Also könnte man ihn wohl ´frischgebackenen` Vater nennen.“
„Tja, da siehst du mal wieder, dass das Leben auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt.“ Ich schaute erneut auf die Uhr, lächelte Annette zu und gab der Kellnerin ein Zeichen, die Rechnung zu bringen. „Sei mir nicht böse, aber ich muss los. Habe noch einiges in der Redaktion zu erledigen.“
„Du willst doch wohl nicht gleich der ganzen Welt mitteilen, dass Micky in der Stadt ist, oder?“, fragte Annette mit gespielt entsetzter Stimme.
Ich beugte mich vor und flüsterte: „Stell dir vor, ich kenne den Grund, warum er in der Stadt ist.“
Die Überraschung war mir gelungen. Annette staunte. „Jetzt sag nur noch, dass du all die Jahre Briefe mit ihm ausgetauscht hast und er nun gekommen ist, um dich mal wiederzusehen.“ Sie holte ihre Geldbörse aus der Handtasche und blickte mich erwartungsvoll an.
„Donnerwetter, du hast ja Fantasie! Aber ich muss dich dennoch enttäuschen. Er ist nicht wegen mir hier, sondern wegen unserem Klassentreffen.“
„Herrje, das wievielte Jubiläum wird denn gefeiert?“
„Das Zwanzigste. Wir feiern drüben bei Jupp, wo auch die Abschlussfete stattfand.“„Und wer organisiert das Ganze? Etwa Petty?“„Kennst du jemanden, der das besser könnte?“, fragte ich grinsend. „Auf diese Art hat sie alles unter Kontrolle, nichts entgeht ihren Argusaugen.“
Annette nickte zustimmend. „Mit ihr habt ihr wirklich das große Los gezogen. Ich erinnere mich noch daran, wie sie als Schulsprecherin mindestens einmal im Monat eine Rede über die Lautsprecheranlage halten musste. Wenn es wenigstens etwas Interessantes gewesen wäre ...“
„Na ja, in der Beziehung hat sie sich zumindest etwas verbessert“, konterte ich amüsiert. „Wenn sie heute ihre Sprüche los lässt, sind sie größtenteils originell und bringen ihr ziemlich viel Geld ein.“
Annette nickte bekräftigend. „Ja, unter Erfolgsmangel leidet sie scheinbar nicht. Ihr Slogan für die Obstbranche erreicht bestimmt bald Kultstatus, so oft wie es einem ins Auge sticht.“
Annette meinte den Werbeslogan, den Petty für eine italienische Vertriebsfirma entworfen hatte, der da lautete:
´Obst bewahrt euer Leben und lässt euch b-e-b-e-n!` Beim Lesen klang es eher nichtssagend, wenn es jedoch von Ingo Bohrmann im Radio oder Fernsehen vorgetragen wurde, überzeugte es einen tatsächlich. Dabei spielte sicher Ingos Waschbrettbauch eine bedeutende Rolle, der einfach unwiderstehlich wirkte, wenn daran der Orangensaft hinunterlief, dessen Frucht er mit seiner bloßen Hand über seinen offenen Mund auspresste. Dabei wirkte er tatsächlich wie ein Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss und nichts, aber auch gar nichts ausließ, was sich ihm bot. Mmh, dieser Anblick konnte einem wahrhaftig Lust auf Obst verschaffen – und auf andere Dinge.
Die Kellnerin sorgte dafür, dass unsere Gedanken in diese Welt zurück kehrten, als sie zum Kassieren kam. Zehn Mark Fünfzig für zwei Tassen Cappuccino und ein Stück Apfelkuchen war etwas, das ich mir nicht allzu oft leisten konnte. Als alleinerziehende Mutter konnte man keine großen Luftsprünge anstellen. Aber ab und zu war mir das eben doch vollkommen egal.
Entschlossen stand ich auf und umarmte meine Schwester flüchtig. „Mach´s gut und grüß deine Familie.“
„Ich ruf dich an. In vierzehn Tagen vielleicht, okay?“ Wieder waren ihre Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet, bis ich nickte. „Versprechen kann ich es nicht. Du weißt, dass ich immer viel zu tun habe. Da ist es manchmal nicht einfach ...“
„Ja, ja. Spar dir den Kommentar“, unterbrach sie mich. „Ich ruf dich einfach an und dann sehen wir weiter. Übrigens ... dein Haar gefällt mir besser, wenn du es offen trägst.“
Überrascht runzelte ich die Stirn. Ich trug mein Haar meistens offen, da es nur schulterlang und glatt war. Doch auf die Dauer schien es mir langweilig, vielleicht weil die dunkelblonde Farbe nicht viel hergab, daher band ich es manchmal im Nacken zusammen oder steckte es hoch. Und bisher war ich der Meinung gewesen, dass die anderen Leute es ebenso nett fanden wie ich selbst. Bis Annette mir nun einen Strich durch die Rechnung machte.
„Es lässt dich älter aussehen“, erklärte sie auf meinen fragenden Blick hin. „Vielleicht solltest du stattdessen Haarklemmen probieren ...“
„Ein Teenager bin ich aber auch nicht mehr“, murrte ich. Warum interessierte mich ihre Meinung überhaupt? Sie war in Modefragen nicht schlauer und nicht ausgefallener als ich.
Achselzuckend ging sie einige Schritte rückwärts und hob die Hand zum Gruß, während ich meine Tasche umhängte und ihr zunickte. „Bis dann also.“
Mit einem befreienden Gefühl wandte ich mich in die entgegengesetzte Richtung und atmete erleichtert auf. Doch gleich darauf regte sich das schlechte Gewissen. Warum musste ich immer so ungerecht meiner Schwester gegenüber sein? Warum ging sie mir so oft auf die Nerven? Ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden, atmete ich tief die warme Luft ein, genoss die Sonnenstrahlen auf meinen Armen und den Lärm, der von den Leuten ausging, die ebenfalls auf der Fußgängerzone mit Eis- oder Einkaufstüten unterwegs waren. Dieses lebendige Treiben um mich herum beruhigte mich. War es doch das ganze Gegenteil zu dem Traum, den ich im Café gehabt hatte. Nichts Dunkles und Ungewisses gab es hier, keine mysteriösen Dinge auf dem Waldboden und nichts Unheimliches, das mich ängstigen konnte. Was für ein Unsinn das Ganze! Wie kam ich überhaupt dazu, am hellen Tag an so etwas zu denken? Und warum? Es gab nichts in meinem Leben, das ...
Ein Gesicht in der Menge kam mir plötzlich bekannt vor, und meine Schritte verlangsamten sich, während mein Herz ganz zu schlagen aufhörte.
Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem Lachen, weil jemand etwas Lustiges zu ihm sagte, und mein Herz begann langsam wieder zu pochen. Ich hatte mich getäuscht. Das Gesicht gehörte nicht Micky. Sein Lachen war anders.
Aber einen Moment lang hatte ich wirklich gedacht - nein befürchtet, dass er mir entgegen kam, dass er ohne Vorwarnung und ohne Vorbereitung wieder in mein Leben treten könnte. Der Gedanke an eine Konfrontation mit ihm bereitete mir ein gemischtes Gefühl aus Verlegenheit, Angst und freudiger Erregung. Gott, wie albern! Kopfschüttelnd ging ich langsam weiter. Ich würde ihm begegnen, das war unausweichlich bei dem bevorstehenden Klassentreffen, aber ich würde mich bestimmt nicht wie ein Teenager aufführen!
Allerdings ließen sich manche Gefühle nicht so leicht in die Schranken weisen. Denn gleich, als ich die Einladung bekam, galt mein erster Gedanke Micky. Wie eigentlich alles, was mit meiner Schulzeit zusammenhing, gleichbedeutend mit Micky stand. Ob heimliche Rendezvous während der Klassenfahrten oder das Rumhängen in den Pausen, selbst die Feten und Discobesuche waren nur gut gewesen, wenn ich mich dabei an einzelne Begebenheiten mit Micky erinnern konnte. Alles andere war verblasst, schien unwichtig.
Und selbst jetzt, während ich die Fußgängerzone verließ und auf meinen Wagen zuging, der gleich in der Nähe geparkt stand, ergriff mich ein wahres Hochgefühl, wenn ich an die alten Zeiten dachte. Es war toll gewesen, abends mit der Clique herumzuziehen, heimlich Zigaretten zu rauchen, Sangrias zu schlürfen und dabei über Gott und die Welt zu diskutieren. Das alles und diese Neugierde auf das, was das Leben noch zu bieten hatte, hatte meine Teenagerzeit zu etwas Besonderem gemacht. Und ich konnte mir auf einmal vorstellen, wieder genau das Mädchen zu sein, das ich damals gewesen war.
An das ziemlich eigenartige Ende von all dem dachte ich dabei überhaupt nicht mehr. Fast so, als habe es das nie gegeben.
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