Die Märchenseite

Wer glaubt, dass Märchen längst out sind, irrt sich gewaltig.
Überall sieht man Veranstaltungen in dieser Richtung, es gibt ständig neue Ausschreibungen von Verlagen oder Literaturgruppen, die Märchenbeiträge für Anthologien suchen. Und wenn man mal in diese neuen Märchenbücher hineinsieht, dann wundert man sich, wie viele neue Geschichten es immer wieder gibt. Oder auch alte Geschichten im neuen Gewand, mit neuen Wendungen oder einem ganz anderen Ende. Vorreiter dieses Märchenbooms ist die Storyolympiade, die gerade ihren dritten Band herausbringt (Märchen für Jugendliche und Erwachsene) und für den Vierten schon wieder neue Beiträge sucht. Mal ehrlich gesagt: Märchen sind doch auch etwas Schönes. Man kann eintauchen in fantasiereiche Orte oder Gegenden, trifft mal wieder Prinzen und Hexen, Elfen und Zwerge, fiebert mit den Helden, die Intrigen und gefährlichen Aufgaben ausgesetzt sind und freut sich über ein „Ende gut, alles gut“ oder so ähnlich zumindest ...
   
Als ursprüngliche Romanautorin bedeutete es für mich eine ganz neue Herausforderung, ein Märchen zu schreiben. Aber bereits nach kurzer Zeit merkte ich, dass es Spaß machte.
Ich nahm mir das Muster von dem „Einen, der auszog das Fürchten zu lernen“ und ließ meine Heldin ebenfalls hinausziehen in die große weite Welt. Sie entdeckte auch vieles, das zum Fürchten war, aber in meiner Geschichte ging es um etwas anderes. Es handelt von „Einer, die auszog den Humor zu finden“. Keine einfache Sache in einer Welt, die aus Kriegen, Habgier und Egoismus besteht.
Ob sie es geschafft hat? In der Anthologie Märchenzauber steht die Antwort.
Die Veröffentlichung des Märchens und die darauffolgende Planung einer Lesung gemeinsam mit zwei anderen Autorinnen brachte uns auf die Idee, Märchen generell verkleidet in der Öffent- lichkeit zu präsentieren.
Am Anfang trat ich als unglücklicher Prinz Elvis auf, der dringend eine Prinzessin suchte, die ihn wieder in einen Frosch verwandelte.

   
Während des Kulturevents Licht am Deister, Springe liest war ich einfach nur eine Märchenprinzessin, die Geschichten vorliest.
Doch dort stellte ich meine Kindergeschichte Der Knoblauchkater vor, die ich vor einigen Jahren für meine Tochter geschrieben und inzwischen etwas umfunktioniert hatte. Dieser Knoblauchkater gab dann den Anreiz dazu, fortan als Hexe aufzutreten und endlich mit diesen schrecklichen Vorurteilen aufzuräumen. Hexen sind nicht böse. Hexen sind nur anders! Wer das nicht glaubt, sollte diese hier mal in Aktion erleben.


"Prinz Frosch"

von Ira Garlic

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Der Älteste, der bald den Thron des Vaters übernehmen sollte, war ein richtiger Haudegen, der keinem Streit aus dem Weg ging. Egal, ob es ihn persönlich betraf oder sich um Dinge drehte, die ihn eigentlich gar nichts angingen, er mischte sich ein, weil er meinte, als Thronfolger ein Recht dazu zu haben. Man traf ihn regelmäßig bei Schlägereien in Gasthöfen an und demzufolge ebenso häufig bei Gerichtsverhandlungen. So wunderte es das Volk nicht sehr, als eines Tages die Kunde durch das Land zog, dass der Königssohn bei einem Duell zu Tode gekommen war.
Nun wurde der mittlere Sohn zum Erben des Königs bestellt. Das war ein ganz Ruhiger, der besonnen ans Werk ging, viele Bücher las und dem Vater täglich über die Schulter schaute, um ja alles richtig zu machen.
Der König war sehr zufrieden und beschloss aus lauter Dankbarkeit, seinen Sohn in die besten Gewänder zu hüllen, damit alle Leute in Nah und Fern den neuen Thronfolger bewundern konnten. Er bestellte die teuersten Samtstoffe und schickte nach dem begabtesten Schneider des Landes, der auch prompt an sein Werk ging. Doch o weh, was war das? Als der Prinz sich ausziehen sollte, genierte er sich fürchterlich. Und als der König ein Machtwort sprach, kam dann die ganze Tragödie ans Licht. Der Sohn war gar kein Sohn. Es war eine Tochter.
Wutentbrannt stellte der König die Königin zur Rede. Und sie erklärte kleinlaut, sie habe nur die gleichen Rechte für das Mädchen gewollt, wie es für Prinzen üblich sei. „Sie ist doch so ein kluges Kind“, sagte die Königin. „Genauso gut wie ein Mann wird sie das Land regieren können.“ Doch davon wollte der König nichts hören.
Er verbannte die Prinzessin zur Strafe für die Lüge aus seinem Königreich, und sie musste sofort ihre Sachen packen und gehen.
Nun blieb ihm nur noch der jüngste Sohn. Der war jedoch all die Jahre so sehr verwöhnt worden, dass er nur an Spiel und Spaß dachte.
„Ich möchte, dass du dich im Fechten ausbilden lässt“, sagte der König zu ihm. „Und anschließend wirst du mit den Jägern zur Wildschweinjagd reiten.“
„Aber Vater“, empörte sich der Prinz. „Beim Fechten werde ich nur lebensgefährlich verletzt und beim Jagen könnte ich vom Pferd fallen. Nein, das sind keine Aufgaben für mich! Du musst dir schon jemand anders suchen, der das übernimmt.“
Nachdem der König seine Verachtung überwunden hatte, versuchte er es auf die einschmeichelnde Art. „Dann schieß uns doch ein paar Tauben. Sei kein Frosch, mein Junge. Du bekommst auch eine riesengroße Belohnung.“
„Und wenn der Schuss nach hinten losgeht?“ Der Prinz schüttelte energisch den Kopf und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Draußen schien die Sonne und er beeilte sich, auf die Wiese zu kommen. Hier ging er seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Er schoss einen goldenen Ball von Loch zu Loch und freute sich über die raschen Treffer. Was konnte das Leben Schöneres bieten?
Grollend beobachtete der König seinen Sohn und suchte der Verzweiflung nahe nach anderen Wegen, wie er ihn zur Arbeit bringen konnte. Doch jeder Vorschlag wurde mit den Worten „Das ist keine Aufgabe für mich. Dafür musst du dir schon jemand anders suchen“ abgewiesen.
„Mein einzig verbliebener Sohn ist ein jämmerlicher Frosch“, klagte er eines Tages der Königin. „Was können wir nur tun?“
„Such ihm eine Gemahlin“, schlug sie vor. „Er wird Kinder zeugen und so lernen, was Verantwortung bedeutet.“
Eine gute Idee, fand der König und rief gleich am nächsten Tag seinen Sohn zu sich. „Der König von Plasienburg hat eine Tochter im heiratsfähigen Alter. Ich werde sie einladen, damit du sie kennen lernen kannst.“
„Warum das denn?“, fragte der junge Prinz erstaunt. „Du erwartest doch nicht etwa, dass ich sie heirate?! Das ist nichts für mich. Da musst du dir schon jemand anderes suchen.“
„Du sollst sie dir nur ansehen“, knirschte der Vater durch die Zähne. „Ist das etwa zu viel verlangt?“
Der Prinz schüttelte den Kopf. „Nur ansehen geht in Ordnung.“ Damit drehte er sich um und ging zurück zu seinem Golfspiel.
Einige Wochen später kam die Prinzessin mit ihrem Gefolge angereist. Der junge Prinz warf von weitem einen ersten Blick auf sie und war nicht sehr angetan.
„Sie ist nicht mal besonders hübsch“, sagte er zu seiner Mutter. „Nein, diese Dame möchte ich gar nicht erst kennen lernen.“
„Das wirst du aber müssen“, erwiderte die Königin streng und ließ sich auf keinerlei Diskussionen ein. Der Prinz lief daraufhin ärgerlich zu seiner Wiese, legte die goldene Kugel auf den Boden und schlug sie mit viel zu viel Schwung weit über das Feld hinaus bis in den königlichen Garten hinein. Der Prinz sah gerade noch, wie sie mit einem lauten Plumps in den Brunnen fiel.
Er sprang sogleich hinterher und tauchte so schnell er nur konnte. Doch jedes Mal, wenn er die Kugel zu fassen glaubte, sank sie noch ein Stück tiefer. Der Druck auf seine Ohren und Lunge wurde immer stärker und langsam schwanden ihm die Sinne. Gerade, als er zu ertrinken drohte, sah er anderes goldenes Licht, das auf ihn zukam.
Es war eine Fee, die ihm sanft zulächelte und ihn dann mit einem Zauberstab berührte. Nun ging es ihm besser. Die Lungen schmerzten nicht mehr und überhaupt fühlte er sich viel freier. Er griff sich die goldene Kugel und schwamm gemächlich an die Oberfläche zurück. Hier kletterte er auf vier grünen Füßen auf den Rand des Brunnens und begriff endlich, was mit ihm geschehen war. Ein entsetztes „Quak!“ entrang sich seiner Kehle.
„Eine andere Möglichkeit gab es nicht, dich zu retten“, hörte er die liebliche Stimme der Fee aus dem Brunnen. „Doch wenn du eine Prinzessin findest, die dich heiratet, dann wirst du deine menschliche Gestalt wieder annehmen.“
Als ob das so einfach wäre! Wo sollte er denn hier eine Prinzessin -?
Ha! Da kam sie schon durch den Garten geschlendert - die Prinzessin, die er vorhin von weitem betrachtet hatte. Und als sie sich jetzt an den Brunnen setzte, um sich auszuruhen, sah er, dass sie gar nicht so hässlich war wie er gedacht hatte. Rötliches Haar umwirbelte ein rundes rosiges Gesicht mit vielen Sommersprossen.
„Prinzessin, Liebste“, rief er ihr zu. „Sieh her, ich habe ein Willkommensgeschenk für dich. Dieser goldene Ball soll dir sagen, wie geehrt ich mich fühle.“
Die Prinzessin sprang auf und sah sich suchend um. „Wer spricht denn da?“
Der Prinz kam aus dem Schatten gehüpft und streckte ihr die Kugel entgegen. „Ich bin es, der Erbe dieses Königreiches.“
Ihr vor Freude gerötetes Gesicht verwandelte sich in eine Maske des Ekels. „Du? Ein Frosch? Das kann doch nur ein übler Scherz sein!“
„So ist es“, sagte er traurig und erklärte ihr seine Situation. „Wenn du mich also heiratest, werde ich wieder ein richtiger Mann für dich sein!“
Die Prinzessin schluckte mehrmals, während sie nachdachte. „Ich weiß ja nicht mal, wie du als Mann aussiehst. Vielleicht hast du ein Warzengesicht oder bist ein dickbäuchiges Ungeheuer? Nein ... “, sie schüttelte den Kopf. „Das ist keine Aufgabe für mich, tut mir Leid. Dafür musst du dir jemand anderes suchen.“
Noch ehe er widersprechen konnte, war sie schon davongelaufen. Und dem armen Prinzen blieb nichts anderes übrig, als vor lauter Scham zurück in den Brunnen zu springen. Dort haust er nun bis zu dem Tag, an dem sich eine andere Prinzessin an den Brunnen setzen wird und den goldenen Ball zum Spielen nimmt, der einsam und allein in der Sonne glitzernd auf dem Rand des Brunnens liegen bleibt.

- E n d e –

Mehr Märchen im Buch “Zauberhafte Märchenwelt” vom Wurdack- Verlag oder direkt bei der Märchenhexe Ira Garlic, Tel. 05182/52381




Wer die Hexe einmal treffen möchte, schaue bitte unter Projekte / Sonstiges nach oder rufe sie ganz einfach an. Telefon 0175-3712490.

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