Wette

Die Wette

Elvira Reck


„Was willst du schon wieder hier?“, fragte das Wesen, als sich ihm eine dunkle Gestalt näherte.„Sehen, was Ihr so treibt ... anscheinend nicht viel. Na ja kein Wunder, es passiert auch nichts mehr in der Welt. Überall tote Hose. Wie seit langer Zeit. Viel zu langer Zeit, wenn Ihr mich fragt.”
Das Wesen hatte es sich auf einem Felsen gemütlich gemacht und gestattete dem Dunklen, sich neben ihn zu setzen. Nicht, dass er ihn gern mochte oder sich über die Gesellschaft freute, nein, er war nur heute besonders gut gelaunt und sah nirgends einen Grund, sich zu ärgern. Das war nicht oft so, deshalb genoss er es sehr. Und in Momenten wie diesen war seine Güte unerschöpflich groß.
„Du hast es immer noch nicht gelernt, dich an der Schönheit zu erfreuen. Oder an der Ruhe in der Welt. Das ist etwas sehr Kostbares.“
„Und langweiliges“, ergänzte der Dunkle. „Aber die Ruhe ist trügerisch.“ Seine Hand hob sich und sein Finger zeigte hinunter in das Tal, in dem sich viele Tausende Häuser aneinander reihten, in denen bereits die ersten Lichter entzündet wurden. „Sie sind nur deshalb zufrieden, weil Ihr sie beschützt. Sie bringen euch Blumen und singen euch zu Ehren, aber doch nur, weil sie nichts zu befürchten haben.“
„Genau so, wie es sein soll“, sagte er wohlwollend und nickte. „Ich bin nun mal der, der über sie wacht. Es ist richtig so, wie es ist. Und es ist gut so.“
„Natürlich ist es das. Aber was wäre denn, wenn es ihnen nicht so gut ginge? Wenn sie auf einmal um ihr Gut, um ihr Leben fürchten müssten?“ Der Dunkle lehnte sich begierig vor. „Denkt Ihr, sie würden dann immer noch singen und euch Geschenke machen?“
„Ich bin der Herr dieser Welt – natürlich würden sie mich weiterhin loben!“
„Ha! Da bin ich aber anderer Meinung! Sie werden euch verachten und nichts mehr von euch wissen wollen. Sie werden euch verjagen aus eurem eigenen Reich!“ Der Dunkle grinste verschlagen. Natürlich, diese Gedanken passten zu ihm. Er fühlte sich nur wohl, wenn er intrigieren konnte. Doch daraus würde nichts werden.
„Du täuscht dich. Sie verehren mich, ob es ihnen gut geht oder nicht.“
„Dann ... dann kann es doch nichts schaden, wenn wir es auf einen kleinen Versuch ankommen lassen“, fuhr der Dunkle fort, zögernd und doch beharrlich. „Eine kleine harmlose Wette, die beweisen wird, wer von uns Recht hat. Was sagt Ihr dazu?“
Er war nicht sicher, was er dazu sagen sollte. Spielchen dieser Art waren unter seiner Würde, andererseits hatte er die Menschen lange Zeit keinen Prüfungen mehr ausgesetzt.
Der Himmel verdunkelte sich mit dicken Regenwolken, die Blitz und Donner mit sich brachten. Unheilvoll grollend rollte das Unwetter auf die Häuser zu. Der Dunkle lachte erfreut auf. „Das ist fein. Ihr geht also auf meine Wette ein. Aber wartet, ich suche einen Speziellen aus, der stellvertretend für die Menschheit getestet werden soll.“ Suchend blickte er über das Tal hinweg. „Einer, der euch besonders zugetan ist. Der keine Mühen und Kosten scheute, euch zu preisen ... ah, wie wäre es mit Christopher, dem Fürsten vom Gronauer Schloss? Er hat es durch Zuckerrüben zu Wohlstand gebracht, besitzt viele Ländereien, eine schöne Frau, zwei nette Kinder ...“ Sein Lächeln strahlte geradezu in dem dunklen Antlitz. „Nehmt es ihm weg und seht, ob er noch Dankbarkeit euch gegenüber empfindet!“
Ganz wohl war ihm nicht dabei, aber er kannte Christopher gut und vertraute auf dessen Loyalität. Also streckte er seinen Stab aus über das Tal ...

Die Fensterläden schepperten laut und die Gardinen flatterten wild in den Raum hinein. Simone sprang auf und stürzte zu dem offenen Fenster. „Herrgott, was ist denn jetzt los? Chris, steh auf und hilf mir, die anderen Fenster zu schließen. Es scheint ein Unwetter zu geben.“
Er war noch in seine Zeitung vertieft, begriff gar nicht genau, was sie eigentlich von ihm wollte. Doch als er aufschaute, traute er seinen Augen nicht. Die bodenlange Gardine wickelte sich um Simones Körper, während sie sich aus dem Fenster lehnte, um an den Fensterladen zu kommen. Der feine Stoff hüllte sie ein wie eine Braut, die zum Altar geführt wird, nur wurde sie stattdessen emporgehoben, schwebte einen winzigen Augenblick über dem Boden und fiel dann aus dem Fenster. Einen Moment lang war er erstarrt, glaubte an eine Halluzination, bis er schließlich zum Fenster wankte, die Gardine zur Seite riss und hinunter auf den zerschmetterten Körper seiner Frau im Schlosshof blickte. Der Schrei blieb ihm im Hals stecken, bis er glaubte zu ersticken.
„Papa, komm schnell!“ Die Stimme seiner Tochter klang schrill hinter ihm. „Tobi ... er hat so einen komischen Anfall. Komm schnell!“
Nur zögernd konnte er sich vom Anblick dessen losreißen, was noch vor kurzem eine lebendige Simone gewesen war. Seine Beine bewegten sich als seien sie aus Gummi. Er musste telefonieren, Hilfe holen, doch die Panik in Jennys Stimme trieb ihn in Richtung Kinderzimmer. Der Flur schien auf einmal um das Doppelte verlängert zu sein. Als er endlich das Kinderzimmer erreichte, sah er Tobi ruhig vor dem Fernseher liegen, eigentlich nichts besonderes, bis auf die Tatsache, dass der Kopf seitlich auf dem Teppich lag.
Chris ließ sich neben ihm auf die Knie fallen. „Tobi? Was ist mit dir?“ Die Worte verpufften in der Taubheit, die ihn plötzlich umgab. Kein Puls. Kein Atem. Was verdammt noch mal passierte hier?
Benommen drehte er sich zu seiner Tochter um und sah sie aus dem Zimmer stürmen. „Jenny? Jenny, was ist hier los? Jenny, bleib hier!!!“
„Ich war´s nicht“, rief sie zurück und dann hörte er nur noch ein Poltern, als ob jemand die lange steile Treppe ins Erdgeschoss hinunterfiel. Chris schloss die Augen und kämpfte mit der Panik, die ihn wie ein Wirbelwind umfing. Weil ihn seine Beine nicht mehr tragen wollten, schleppte er sich auf allen Vieren zum Treppengeländer hin. Seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Jenny lag am Fuß der Treppe mit schrecklich verrenkten Gliedern.
Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle und dann legte sich ein Schleier aus Tränen über den Anblick. „Großer Gott, warum?“ Niemand konnte diese Frage beantworten. Auch später nicht, als das Haus voller Leute war und man ihn mit tausend anderen Fragen bombardierte.
Erst Tage später begriff er, was er alles verloren hatte. Seine Frau, seine Kinder und dazu das gesamte Land durch das Unwetter verwüstet, die Ernten verdorben. Selbst Freunde und Verwandte hatten sich von ihm abgewandt. Nichts war ihm geblieben, außer dem Schloss, doch das bedeutete ihm nichts. Er lebte und lebte doch nicht. Er wandelte durch sein großes leeres Schloss wie ein Gespenst, konnte nicht mehr schlafen und nicht mehr essen, fand nur noch Trost in dem Wunsch, selbst auch bald sterben zu dürfen.
Eines Nachts, als er vor dem Fernseher saß ohne wirklich zu sehen, klopfte es an der Hintertür. Laut schallte das metallische Geräusch durch die dunklen Gänge, als Chris hinunter ging und öffnete. Eine seltsam dunkelvermummte Gestalt stand draußen und wirkte bedrohlich wie der Tod. Angst hatte Chris jedoch keine. Etwas Schlimmeres als das, was er erlebt hatte, konnte es nicht geben auf der Welt.
„Du armer Mann“, sagte der Vermummte mit sanfter Stimme. „Ich hörte von deinem Leid und sehe es in deinen Augen. Doch nun freue dich, denn ich kann dir helfen. Ich kann dir alles zurückgeben, was du besessen hast. Alles wird wieder so sein wie es war, wenn ... wenn du fortan mich preist und vor aller Welt deine Dankbarkeit mir gegenüber zeigst.“
Chris starrte die Gestalt verwundert an. „Was? Ich verstehe nicht ... was willst du von mir?“
Die Sanftheit bekam einen drängenden und nörgelnden Unterton. „Wenn du mich als deinen neuen Herrn anerkennst, werde ich dir alles wiedergeben, was du besessen hast. Was kann man daran nicht verstehen?!“
„Meine Familie ist tot und niemand kann sie mir zurückgeben, auch du nicht“, schrie er zurück und knallte dem Mann die Tür vor der Nase zu. Doch der gab nicht so schnell auf. Wieder klopfte es gegen die Tür. „Christopher, hör mir zu! ER ... er war es, der dir die Familie nahm. Der die Ernten verdarb, der alles zerstörte. Er, dein großer Gott. Er ist bösartig und gemein und will dir nichts Gutes. Wenn du dich jedoch auf meine Seite schlägst, dann werde ich deine Familie wieder zum Leben erwecken. Ich kann das! Du wirst wie im Paradies mit ihnen leben ...“
Chris riss die Tür auf und funkelte die Gestalt zornig an. „Sei still, du gottloser Kerl! Selbst wenn es stimmt, dass Er mir all das angetan hat, so wird er einen Grund gehabt haben. Aber ich glaube eher, dass es der Andere war. Nur Teufel können so brutal und gemein sein! Und jetzt verschwinde, bevor ich dir den Arsch aufreiße!“
Damit schloss sich erneut die Tür vor der dunklen Gestalt, die sich zornig abwandte.

Als er zurück durch das Tal zum Berg wandelte, wurde er mit einem dröhnenden Knurren begrüßt. „Du siehst, du kannst noch so viele Lügen verbreiten, die Liebe zu mir ist grenzenlos.“ Das Wesen saß immer noch auf dem höchsten Felsen und blickte ihm entgegen.
„Na schön, du hast die Wette gewonnen“, gab der Dunkle zurück. „Aber nur diesmal. Beim nächsten Mal wirst du nicht soviel Glück haben, das lass dir gesagt sein.“
Das Wesen begann leise zu lachen, lachte dann lauter bis es über das Tal schallte und selbst durch die dicken Mauern des Schlosses drang.
„Die Zeit der Prüfung ist vorbei, mein Freund. Jetzt bekommt jeder seinen Lohn. Für Christopher ein neues erfülltes Leben und für dich ... ein weiteres Jahrtausend in der Hölle.“
„Nein“, schrie der Dunkle. „Das war nicht ausgemacht! Du kannst nicht einfach -“ Der Dunkle verpuffte vor den Augen des Wesens in nichts.Das Wesen schüttelte lächelnd sein Haupt. Kaum zu glauben, dass manche nie begriffen, mit wem sie es zu tun hatten und dass man sich mit IHM nicht anlegte. Nicht mal für eine kleine harmlose Wette.

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